Handyfrei im Naziland: Live bei Inglourious Basterds
Kaum ein Film wird derzeit als so wagemutig und kontrovers bezeichnet wie Quentin Tarantinos neueste Speckschwarte “Inglourious Basterds” – das heißt, wenn man mal von Lars Von Triers “Antichrist” absieht, der natürlich nicht ganz so breite Besprechung erfahren durfte, aber mindestens doppelt so stark zu spalten vermag, wenn man nicht gerade familiengeschichtlich im Niemandsland der Nazigeschichte drin hängt.
Aber der Antichrist ist bei uns auch noch nicht wirklich niedergekommen – irgendwie auch passend, angesichts der gar nicht so frischen aber reichlich dankbaren Verquickung von Antichrist und Nazitum im postmodern augenzwinkernden “Inglourious Basterds”. Denn um die Analogie mal TOTAL auszureizen (hui, das macht Spaß!): Der Antichrist lässt in Tarantinos Streifen gehörig auf sich warten.
Dafür bietet der Film anderorts jede Menge Unterhaltung: Nämlich dort, wo’s um eben das genannte Augenzwinkern geht, das Tarantino in allen seinen Filmen zur Vollendung treibt – tausende Referenzen, Anspielungen und Zitate, dutzendfache politsch und historisch unkorrekte Scherze – und ein Filmtitel, der richtiggehend dazu einlädt, ihn permanent falsch zu schreiben.
Denn bei Google finden sich für’s falsch geschriebene “Inglorious Basterds” (also mit einem “o” und einem “ou”) immerhin auch 8,5 Millionen Treffer, während das richtig geschriebene “Inglourious Basterds” 14,9 Millionen und damit nicht mal doppelt so viele Suchergebnisse bringt. Und damit wir uns richtig verstehen: Nicht, dass “Inglourious Basterds” jetzt grundsätzlich im orthografischen Sinne richtig wäre, ganz im Gegenteil, aber auch das ist Tarantino’scher Kommentar-Humor – da es um Deutsche geht, wird auch der Filmtitel komisch (und vermeintlich) eingedeutscht, und soll ein müdes Lächeln mehr bringen.
Aber auf all das wollte ich eigentlich gar nicht hinaus. Um wieder auf den hehren Weg der Mobiltelefonie zurückzukommen: “Inglourious Basterds” ist auch Handymäßig interessant, wenn man seine Machart bedenkt. Quentin Tarantino herrschte nämlich am Set mit eiserner Faust und verbot jegliche Smartphone- oder sonstige Handynutzung (wobei schon davon ausgegangen werden darf, dass die partizipierenden Starts wie Brad Pitt, die ja auch gern mal ein bisschen twittern, nicht unbedingt mit alten Sony Ericsson Handys durch die Welt laufen).
Es wurde also peinlich genau darauf geachtet, die Hürde des Zeitgemäßen NICHT zu nehmen und stattdessen die gesamte Filmcrew von modernen iPhones und Konsorten fernzuhalten – damit im Sinne des Method Acting ein bisschen mehr Realismus am Bild entsteht, wenn hinter dem Bild auch ein bisschen mehr Realismus gelebt wird. Was bis zu einem gewissen Grad natürlich vollkommen nachvollziehbar, darüber hinaus jedoch restlos absurd ist: Schließlich wurden die Schauspieler ja auch nicht abseits der Kamera gezwungen, KZ-Hänflinge oder -Wärter weiterzuverkörpern oder im Stil von “Das Experiment” das Spiel zum Ernst zu verwandeln.
Und soviel also dazu. Vielleicht sind solche Aktionen aber auch hauptsächlich einem Sinn gewidmet: Nämlich dem, dass unsereiner etwas vermeintlich Berichtenswertes aus den Drehverhältnissen am Set nuckelt und auch nach Kinostart noch über “Inglourious Basterds” weiterschreibt. Falls dem so ist: You got it, Herr Tarantino!”




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